home news works archive vita contact links text imprint

text



GRAUZONE


Ausgangsidee der von Motoko Dobashi und Kaori Nakajima initiierten Ausstellung war, die Räume in
den „Kunstarkaden“ dramatisch zu verändern, sie in einem physischen, wie metaphorischen Sinn in
eine Höhle zu verwandeln und durch den Raum und die darin präsentierten Arbeiten Zugang zu
anderen, irrealen Welten zu eröffnen. Dementsprechend haben die Künstler an den Anfang des
Ausstellungsaufbaus eine grundlegenden Eingriff in den Raum gesetzt: Die Fensterfront wurde
verschlossen, Laufrichtungen verändert, Räume umgebaut oder verdunkelt, um im Umkehrschluß die
Aufmerksamkeit wieder ganz auf die Arbeiten zu lenken. Dieser Ansatz der Aneignung und
Neudefinition des Raumes ist im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem zentralen Aspekt zahlreicher
Arbeiten und Ausstellungskonzepte geworden und erscheint angesichts der räumlichen Situation in
den „Kunstarkaden“ als eine geradezu notwendige Reaktion.

Ziel der Künstler war es, die Arbeiten in der Ausstellung einander gegenüber zu stellen und
miteinander interagieren zu lassen. Die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse der in München
lebenden Künstler aus Japan, Rumänien, Serbien und Deutschland kreuzen sich dabei ebenso sehr
wie geteilte Bildwelten zwischen Kunstgeschichte und Computer. Bildhauerische Arbeiten finden sich
neben figurativer Malerei, Collagen oder eigens für die Ausstellung und auf die spezifische räumliche
Situation hin entstandene Videoarbeiten und Wandzeichnungen. Wenngleich die Werke jedes
Künstlers für sich stehen und es nicht darum geht, sie entlang eines konzeptuell verbindenden Fadens
zu präsentieren, ist ihnen eine gegenständliche Bildwelt und ein narrativer Ansatz gemeinsam.

Boban Andjelkovics Malerei, die er mit Hilfe von Skizzen und digitalen Studien präzise komponiert, ist
bevölkert von Hybridwesen zwischen Realem und Imaginärem. In seinen Bildern begegnen einem
hilflos wirkende Kinder, von Tieren als beschützenden Begleitern umgeben, oder fabelhafte Wesen in
strahlendes Licht und leuchtende Farben getaucht. Auffällig ist der gezielte Einsatz von deckendem
Schwarz. Diese Farbe wird zu einer alles überlagernden Schicht, die Boban dazu einsetzt, seine
Komposition wieder soweit auf die notwendigsten Elemente zu reduzieren, bis nur noch die Essenz
des jeweiligen Bildes erhalten bleibt. Seine Bilder sind Ausdruck von Irrationalem, malerische
Übersetzungen von Mystischem und Unheimlichem; das Schwarze suggeriert eine Nähe zum
Verdrängten und Abgründigen. Sie spiegeln eine in ihrem Sicherheitsbedürfnis erschütterte Welt:
bedrohlich ausdrucksstark und fast unmenschlich.

Johanna Zey präsentiert zwei neue, in Rumänien entstandene Arbeiten. Die auf die Hauptstadt
bezogene Installation „Bukarest“ besteht aus gestanzten und gefalteten Papierbögen, die
freischwebend im Raum hängen: es entsteht eine aus den Angeln gehobene Stadtlandschaft, die ihre
statischen Qualitäten zugunsten von Schwerelosigkeit und Bewegung aufgegeben hat. Inspiriert ist
„Bukarest“ von den baulichen Auswüchsen in der Hauptstadt: kommunistische
Repräsentationsarchitektur steht unvermittelt neben Jugendstilhäusern oder mediterran anmutenden
Vierteln. Mit dem Sturz des Ceaucescu Regimes Ende der 80er Jahre wurde ein ganzes System ins
Wanken gebracht, das sich jetzt auf dem Weg in das 21. Jahrhundert neu definieren muss. Die
Unwiederbringlichkeit vergangener Zeiten ist auch Mittelpunkt ihres Videos „Ein Liebesspiel in vier
Akten“. Über die Untertitel entspinnt sich die fragmentarische Erzählung einer Liebesgeschichte in
bukolischem Umfeld. „Du hättest bleiben sollen“ heißt es am Ende: ein Eingeständnis an das
Scheitern – weniger der Liebesgeschichte an sich, als der romantischen Vorstellung, dass eine solche
heute überhaupt noch möglich wäre.

Kaori Nakajimas Malerei und Collagen sind illusionistische Darstellungen stereotyper Personen in
surreal anmutenden Umgebungen. In ihren Bildern folgen melancholische Denker, Akrobaten,
japanische Comicfiguren oder Puppen rätselhaften Beschäftigungen. Arkadische Bildmotive und
Paradiesgärten sind durch ruinöse Elemente in ihrer Ruhe gestört, Idyll und Katastrophe liegen
beunruhigend nah beieinander. In ihrer assoziativen Anordnung erinnern sie an irrationale, subjektiv
strukturierte Traumbilder, die sich jeglicher zeitlichen und räumlichen Logik verweigern.
Für ihr neues Video hat Kaori ein reduziertes Setting mit theatral wirkender Beleuchtung gewählt. Eine
Frau sitzt mit statischer Mimik auf einem Hocker. Bekleidet mit Perücke und roten Kimono führt sie
langsame Bewegungen aus, wie eine Marionette, deren Glieder auf ihre Beweglichkeit hin überprüft
werden. Stakkatoartige Schnitte bilden die Übergänge von Totale zu Porträtaufnahme, von bekleidet
zu unbekleidet, von geschminkt zu ungeschminkt, Taktgeber ist meist der Figur. Es ergibt sich eine
kontinuierliche Bewegung im subtilen Spiel mit Stereotypen und Schönheitsidealen immer an der
Grenze zwischen Mensch und Puppe.

Die Umschreibung von Schönheitsidealen ist zentrales Element der Zeichnungen von Fumie
Sasabuchi. Sie bearbeitet Vorlagen aus Modemagazinen mit Radiergummi und Kugelschreiber und
legt vermeintliche Schichten unter der Körperoberfläche frei. Mit anatomischer Präzision zeichnet sie
Knochengerüst, Muskelstränge und Adersysteme der Fotomodelle nach und präsentiert, was
normalerweise unter der schützenden Haut verborgen bleibt. Einerseits „memento mori“, andererseits
Dekonstruktion und Neudefinition unseres Schönheitsbegriffes, bricht ihre Arbeit zahlreiche Tabus. In
ihrer neuen Zeichnungs-Serie verziert sie Schädel und Knochen mit Schmucksteinen in der Manier
von Heiligenreliquien – und verstärkt durch die Koppelung von Freilegen und Schmücken die
paradoxe Anziehung bzw. Abstoßung der als begehrlich präsentierten Fotomodelle. Bisher weniger
bekannt sind Fumies skulpturale Arbeiten, die ebenfalls aus anatomischen Studien erwachsen, jedoch
abgelöst sind von Vor-Bildern. Unter einer Glashaube aufgesockelt ist ein aus Schwämmen und
Keramik geformter Schädel, neu geschaffen als vermeintliches Artefakt.

Ausgehend von den Lüftungsschächten, Kabelkanälen und Leitungen an der Decke hat Matthias
Männer mit der „Organfalle“ eine Arbeit in den Raum implantiert, die das Vorhandene imitiert und
dabei die skulpturale Qualität des Gegebenen betont. Matthias’ Arbeiten sind in der Regel technisch
anmutende, geometrische Formationen, die er am Computer entwickelt. Sie sind aus leichten
Baustoffen hergestellt und betonen dabei ihren Modellcharakter. Bei der „Organfalle“ entspinnt sich
über Rohrsysteme ein komplexes Verbindungsnetz zwischen der Basis und den verschiedenen
Untersystemen. Sie wirken wie wuchernde Gebilde, die aus dem Gegebenen entstehen,
eigenständige Kommunikationssysteme aufbauen und dabei an Lebewesen aus Science Fiction
Filmen erinnern. Diese Systeme verweisen auf ein hinter der „Andockstation“ Verborgenes, auf die
Möglichkeit von Parallelwelten, die sich über die bekannten räumlichen Parameter hinaus erstrecken.
Mit diesen Eingriffen erreicht Matthias eine Verschiebung der Wahrnehmung, bei der die Grenze
zwischen Objekt und Architektur bewusst aufs Spiel gesetzt wird.

Ebenfalls mit direktem Bezug auf die räumlichen Gegebenheiten hat Motoko Dobashi in zwei
gegenüberliegenden Wandzeichnungen eine Höhlensituation geschaffen – eine Wolke aus
Steinformationen, die stalakmiten- und stalaktiten-artig nach oben und unten auslaufen. In
siebeneckigen Auslassungen hat sie zwei Landschaften plaziert: auf der einen Seite eine
Unterwasserwelt, gegenüber eine Naturansicht mit Wasserfall. In der Mitte stehend, wird der
Betrachter perspektivisch in diese beiden Öffnungen und Welten hineingezogen.
In Motokos oft überlebensgroße Naturdarstellungen finden stets verschiedenste bildnerische Einflüsse
Eingang: von japanischen Holzschnitten über Albrecht Dürer-Zeichnungen bis zu Darstellungen aus
Manga-Comics und Computerspielen. Dabei ist die Abbildung von Natur immer gebunden an eine
Reflektion über die Mediatisierung unserer Naturwahrnehmung. Sie entsteht aus den zahlreichen
Bildern von Natur, die in unser kollektives Bildgedächtnis übergegangen sind und mit denen wir
tagtäglich umgeben sind – Motoko erschafft so neue, fiktive Landschaften, die zugleich eine
zeitgenössische Aktualisierung der Landschaftsmalerei bedeuten.

Wie die Wandzeichnung von Motoko, sind auch die Collagen und Videos von Isabelle Kurz in
schwarz-weiß gehalten. Motiv und Thema waren bisher der weibliche Körper – ergänzt von oder
überlagert mit abstrakten und runden Formen. Ihre Vorlagen stammen aus alten Büchern und
Bildbänden, was die anachronistische Ästhetik ihrer Arbeiten verstärkt. Für „Grauzone“ hat Isabelle
beinahe vollständig auf weibliche Akte verzichtet – sowohl in ihren Collagen, wie auch in dem neuen
Video, das im hintersten Raum präsentiert wird. Ein Mann, lediglich mit einer Langhaarperücke und
einer japanischen Maske bekleidet, wird zu Beginn des Videos in ein Schachspiel-Feld gezogen, das
auf dem Boden markiert wurde. Nacheinander durchläuft er vor je unterschiedlichen
Hintergrundbildern Positionen, die sich auf die sechs Schachfiguren beziehen. Das Ende der Sequenz
bildet der König, der von sich selbst „Schach Matt“ gesetzt und vom Spielfeld gezogen wird – als
metaphorische Darstellung des immerwährenden Kampfes mit dem „Ich“.

So unterschiedlich die künstlerischen Ansätze auf den ersten Blick erscheinen mögen, so eng werden
die Bezüge bei genauerer Betrachtung. Was die Arbeiten vor allem verbindet ist der Wille zur
permanenten Veränderung, der Mutation und der Infragestellung gegebener Strukturen, Bilder und
Identitäten. Gemeinsam stehen sie für die Auseinandersetzung mit der „Grauzone“ unserer
Wahrnehmung und unseres Daseins.



Patrizia Dander, 2008
Kuratorin am Haus der Kunst in München